Versteckte Hallen

Versteckte Hallen

Wir haben heute nur noch vage Vorstellungen davon, wie die Menschen vor hundert Jahren in den Mietshäusern Berlins lebten. Aber hier und da öffnen sich noch Türen zu alten Welten. In einem Haus im Berliner Westen in Charlottenburg durften wir bereits zum zweiten Mal einen Schatz vergessener Tage bergen.

An einem Ort rund um den Stuttgarter Platz, der lange geprägt war von Hoteltourismus und Rotlicht-Milieu, findet sich heute die quirlige Windscheidstraße mit ihren unzähligen Cafés und Restaurants. Hier wurde in einem der typischen Berliner Gründerzeitbauten ein besonderer Wohnraum zu neuem Leben erweckt. Der Bauherr kehrt mit seiner Partnerin nach einer umfassenden Altbausanierung in die Wohnung seiner Kindheit zurück.

Die Wohnungen des Berliner Westens zeichneten sich durch größere Opulenz aus als die des Ostens. Die Räume waren noch höher, die Treppen ausladender, der Stuck kräftiger. Reich verzierte Kachelöfen sorgten in jedem Zimmer für die nötige Wärme.

Schlafende Schönheit

Vorgefunden wurde allerdings eine abgewohnte, mit unzähligen Farbanstrichen versehene, veraltete Wohnung, die kaum mehr den Glanz der Vergangenheit widerspiegelte. Das Überflüssige und Üppige, die schweren Farben und Stoffe waren verschwunden. Zusammen mit dem Bauherren wurde ein Konzept entwickelt, das die Bedürfnisse von heute mit dem Charme der alten Bausubstanz vereint. Statt dem furchteinflößenden „Buffet“ im Berliner Zimmer, ist die unaufdringliche Eleganz moderner Zeiten eingezogen.

Die Wohnung befindet sich im 1.Stock und erstreckt sich vom Vorderhaus in den Seitenflügel des Hinterhauses. Typischerweise findet sich hier ein Berliner Zimmer, das als Durchgangsraum die Zimmer des Vorderhauses mit dem Seitenflügel verbindet. Grundlage der Planung war es, die ursprüngliche Funktionszonen weitestgehend zu belassen: vorne die »repräsentativen« Räume, nach hinten die »dienenden«. Gleichzeitig sollte die Küche aus dem Seitenflügel weiter in den Lebensmittelpunkt rücken, ohne die optische Größe der Wohnräume durch niedrige Einbauten zu mindern. Es war also keine Option, die Küche im Berliner Zimmer unterzubringen. Stattdessen wurde die Küche wie ein Rucksack angehängt. Dafür wurde die Wand zum angrenzenden Raum durchbrochen und eine offene Wohnküche gestaltet. Oft genügen kleine Eingriffe in der Raumaufteilung um neue Lebensqualitäten zu schaffen. Im Zuge dieser Änderung wurde auch noch ein Stauraum zum Flur geschaffen, der in den Altbauten nie vorhanden war. Über einen langen Flur gelangt man weiter in den hinteren Teil der Wohnung. Im Seitenflügel befinden sich ein Bad, ein Gäste-WC, ein Hauswirtschaftsraum sowie das Schlafzimmer, in das man über zwei, drei Stufen hinabsteigt. Diese Räume gehörten ursprünglich zu Wohnungen des Hinterhauses, die später zugeschlagen worden waren. Die Raumqualitäten selbst wurden gestärkt indem originale Elemente wie Stuck, Böden und Öfen restauriert wurden. So ist man in Verbindung mit der alten Zeit doch im Heute angekommen.

Aufwendige Restaurierung

Bis die Wohnung in neuem Glanz erscheinen konnte, waren allerdings umfassende Sanierungsmaßnahmen notwendig. Für zeitgemäßes Wohnen wurde die gesamte Elektro-, Heiz- und Sanitärtechnik samt Ver- und Entsorgung erneuert. Für die Restaurierung des feinen Dielenbodens mussten stellenweise gebrauchte Dielen gefunden werden, um Fehlstellen im Material zu ersetzen. Der durch unzählige Farbanstriche verblasste Stuck wurde in Spezialarbeit von dem Künstler und Freskomaler Adam Tellmeister freigelegt. Dafür wendete er die Sgraffitotechnik an, wofür erst alte Farbschichten entfernt, neue Farben Stück für Stück aufgetragen und dann zum Teil wieder ausgekratzt werden. So bringt man verborgene, alte Stuckverzierungen wieder ans Tageslicht und verstärkt ihre optische Tiefe. Und da der Bauherr im Allgemeinen keine Farben wünschte, blieb es der Farbigkeit des Freigelegten vorbehalten, die Stimmung der Räume zu definieren. Der Stuck ist heute wieder plastisch und ablesbar und die Farbigkeit prägt die Grundstimmung der Räume. Indem die versteckten Spuren freigelegt wurden, erhält man nun eine leise Ahnung der Fülle dieser vergangenen Lebenskultur.

Text: Caroline Prange
Fotos: © Ulrich Schwarz, Berlin